72 Tage für eine Statue

From: von Inga Keller - 12.07.2010

72 Tage für eine Statue

Samstag, 8.Mai 2010, Tag der offenen Tür der Artgroup des BSBZ (Braunschweiger Buddhistisches Zentrum). Die Gruppe buddhistischer Statuenbauer um Petra Förster und Kris Baranski stellt die Ergebnisse ihrer seit 2007 bestehenden Aktivitäten vor. In der großen Halle der Buddhafabrik stehen Tonstatuen unterschiedlichster Größe, fertig gestellt oder- wie ihre Umgebung- „im Bau“ . Werkzeuge zur Herstellung von Tonstatuen liegen in einer Glasvitrine aus und vermitteln den Besuchern eine erste Idee von deren Produktion.

Gleich am Eingang steht ein mattweisser, 80 cm großer wunderschöner Chenresig (Liebevolle Augen). Die Statue ist während vier Kurswochen unter Leitung des französischen Statuenbauers Richard Granado entstanden und ist die dritte fertig gestellte Statue der bislang etwa 10-köpfigen Artgroup, die mehrmals jährlich für eine Woche in der Buddhafabrik zusammenkommt, um gemeinsam an einer Statue zu arbeiten. Vor 24 Jahren ging der damals 25-jährige Richard nach Nepal, wo er sich das Erlernen des Statuenbauens aneignen wollte. Der den Dagpo-Kagyüs angehörige Richard hatte bei seiner Rückkehr nach Europa in erster Linie in seiner Werkstatt in Frankreich alleine Statuen hergestellt. Die beiden professionellen Künstler Petra und Kris - Petra leitet regelmäßig Kurse an der Hochschule der Künste Braunschweig und Kris verdient sein Geld mit Ausstellungsaufbau in Kunstvereinen – hatten schon seit längerem den Wunsch, die Kunst des traditionellen Statuenbauens in den Westen zu bringen, denn bislang hatte sich noch keiner von Lama Ole Nydahls Schülern dieses Auftrags berufen gefühlt. Die Begegnung mit Richard war ein erster wichtiger Schritt in diese Richtung.

Beim weiteren Rundgang durch die Ausstellung wird sich der Besucher großdimensionaler Fotografien an den Wänden der Fabrikhalle gewahr, die ihn in die karge, bergige Landschaft Ladakhs einweihen. In dieser eingebettet liegen Klöster und Stupas, die sich kaum von denen unterscheiden, die wir von Bildern aus dem alten Tibet kennen.

Ladakh gehört zu den indischen Bundesstaaten Jammu und Kaschmir und liegt im nordwestlichen Zipfel von Indien, zwischen Pakistan und Tibet (heute China). Es besteht weitgehend aus Bergen und Tälern des Himalaya und seine Kultur ist vom tibetischem Buddhismus geprägt, der sich dort im 10. Jahrhundert etabliert hatte. Die Fotos an den Hallenwänden der Fabrik entstanden auf einer gemeinsamen Reise der beiden Braunschweiger Künstler sowie Petras 16-jährigem Sohn Anton im Sommer 2009. Ihre selbst auferlegte Mission war, die geschichtlichen Zeugnisse des Statuenbaus in Klöstern zu besichtigen, sich auf dem Markt der asiatischen Statuenbauer einmal umzuschauen und möglicherweise für die eigene Produktion von Tonstatuen dazulernen.

Von Ladakhs braun-weiß geprägten Landschaftsfotografien wandert das Auge des  Ausstellungsgasts nun in die farbenprächtigen Innenräume der Klöster, die mit bunt bemalten Tonstatuen gefüllt sind. Auf dem abendlichen Vortrag lernen wir, dass die Statuen von Guru Tsewang Rigzin und von dessen Schüler, einem heute noch praktizierendem bekannten Ladakhi Statuenbauer namens Nawang Tsering gebaut wurden. Und: dass die drei Reisenden das große Glück hatten, Nawang Tserings Schüler und Sohn begegnet zu sein.

Der 38-jährige Chemmet Rigzin lebt und schafft in der Provinzhauptstadt Leh. Der Vater von fünf Kindern entdeckte seine künstlerischen Fähigkeiten bereits im Alter von neun Jahren, als er seinem Vater, Nawang Tsering, regelmäßig bei der Arbeit zusah und von diesem nach und nach in die Kunst des Statuenbauens eingeführt wurde. Eigentlich wollte der junge Chemmet bald nur noch Statuen bauen statt zur Schule zu gehen, aber sein Vater bestand zum Glück auf Bildung und somit lernte Chemmet u.a. die tibetische Sprache und Literatur sowie Englisch. Nach 11 Lehrjahren bei Nawang Tsering ist Chemmet mittlerweile selbst ein Meister der Übertragung. Chemmet ist einer der heute noch praktizierenden vier Statuenbauer von Ladakh .  Im Institute for Buddhist Studies in Choglamsar, in welchem sein Vater zwischen 1988 und 2006 Lehrer für das Bauen von Tonstatuen gewesen war,  können junge talentierte Männer in einem Zeitraum von sechs Jahren die Technik des Statuenbauens – von der Zeichnung der Proportionen über das Modellieren bis hin zum Bemalen der Statuen– erlernen.

Chemmet ist ein weiterer entscheidender Faktor für die Artgroup geworden. Der Einladung Petras und Kris´ folgend, setzte er sich im Februar 2010 ins Flugzeug und verließ das erste Mal in seinem Leben die gewohnte Umgebung, um nach Braunschweig zu kommen und die Artgroup mit seinem Wissen und Können des Statuenbauens zu bereichern.

Heute erzählt Chemmet seine Geschichte den interessierten Gästen der Ausstellung persönlich, auf der er natürlich auch vertreten ist und zwar mit ihrem Herzstück, einem 150 cm großen Korlo Demchok in Vereinigung mit seiner Gefährtin Dorje Phamo. Chemmet hat die Statue in 72 Tagen fertig gestellt und gleichzeitig den Braunschweiger Künstlern seine Technik des Bauens von Tonstatuen näher gebracht. Das Ergebnis ist so großartig geworden, dass staunende Kommentare wie „so eine schöne Statue habe ich noch nie gesehen“ zu vernehmen sind.

Der Statuenbauer, der sich heute zur Feier des Tages im traditionellem Ladakhi Outfit, einem aus kostbarem Stoff genähten, knöchellangem Mantel gekleidet hat, begann den 18. Februar 2010 mit einer Puja auf den Vereinigungsaspekt von Korlo Demchok, dem höchsten Yidam der Karma Kagyü Linie des tibetischen Buddhismus, um seinen Helfern Petra, Kris und Heike anschließend mitzuteilen, dass dieser Tag ein auspicious day sei und sie heute beginnen würden. Der Anfang des Bauens einer Statue, so wird uns abends erklärt, sieht immer gleich aus: zunächst wird entschieden, wie groß die Statue werden soll und anschließend wird der Maßstab festgelegt. Nun liegt es an der Tradition des jeweiligen Landes und der Kultur, wie weiter verfahren wird. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich die Stile immer ein wenig abgewandelt und weiterentwickelt, sodass heute von beispielsweise einem buthanesischen Stil oder von einer Mischform aus Kaschmir und Tibet die Rede ist. Gemäß letzterem, dem in Ladakh praktizierten, wird, nachdem die Proportionen berechnet wurden, ein Sand-Ton-Gemisch hergestellt, aus welchem der Kern, die grobe Form der zu bauenden Form. Dieser wird anschließend mit feinem Tonschlicker überpinselt. Wenn dieser trocken ist, wird er mit ca. sechs Schichten aus Jute, Stoff und einem Gemisch aus Mehl und Hautleim umhüllt, deren letzte Schicht dann Jute ist. Wenn diese gebaute Hülle durchgetrocknet ist, wird der Sand-Ton-Kern wieder herausgeschlagen und übrig bleibt eine leichte Hohlform aus Stoff und Jute.

Für die jetzt beginnende Detailarbeit wird zunächst das Material aus Ton, Baumwollwatte und Holzleim zubereitet. Manche Details werden direkt in Chemmets Händen modelliert, für andere stellt er eine Form aus Schwefel oder Wachs her, in der dann das Tongemisch gepresst und wieder herausgenommen wird. So wird fast alles extra modelliert und dann erst an der Statue angebracht.

Werden in Ladakh Statuen gebaut, so geschieht das meist im Auftrag eines bestimmten Klosters oder einer Privatperson. Diese Statuen werden bereits als grobe Hülle gefüllt, sodass der Statuenbauer im Anschluss problemlos von Innen nach Außen modellieren und Details anbringen kann. Die Arbeit in Braunschweig war diesbezüglich eine neue Herausforderung für Chemmet. Es gibt noch keinen Käufer für die Statue, weil Lama Ole Nydahl bei seinem nächsten Besuch in der Buddhafabrik entscheiden soll, welches Zentrum die Statue letztendlich bekommen wird. Somit durfte sie auch noch nicht gefüllt werden, denn nur ungefüllte Statuen dürfen noch verkauft werden. Das heißt, diese Statue musste auch noch in ihrem Endzustand zu füllen sein. Für diesen Zweck hat Chemmet zwei Luken an Korlo Demshoks´ Hintern und Rücken eingebaut. Diese können quasi wie ein Deckel abgenommen und später wieder eingesetzt werden. Damit das den Yidam umklammernde Bein von Dorje Phamo dem Füllen nicht im Wege steht, hat Chemmet der Dame ein Scharnier ins Bein gebaut, sodass dieses beweglich ist und weggebogen werden kann.

Wie im Diamantweg-Buddhismus allgemein bekannt ist, steht die mündliche Übertragung vom Lehrer auf den Schüler im Mittelpunkt seiner Praxis und Entwicklung. In der Tradition des Bauens buddhistischer Statuen verhält es sich ebenso. Chemmets Hauptlehrer war und ist sein Vater, der heute 73 jährige Nawang Tsering. Chemmets Besuch in Braunschweig war eine erste Übertragung um das Wissen des traditionellen Ladakhi-Statuenbauens für die Artgroup, für seine ersten westlichen Schüler. Es ist zu vermuten, dass sich auch bei uns im Westen ein eigener Stil des Statuenbauens herauskristallisieren wird, so wie es in den vorangegangenen Jahrhunderten in den asiatischen Kulturen geschehen ist.

Die Übertragung des Statuenbauens vom Osten in den Westen hat gerade erst begonnen. Wir freuen uns aber sehr, Chemmet im nächsten Jahr wieder in der Buddhafabrik beherbergen zu dürfen. Dann wird der Künstler aus Ladakh seine Statue anmalen und der Artgroup weitere Übertragungen geben.